SALON FÜR KUNST

... Keiner hätte damit gerechnet. Weder meine Freundin im Bad noch ich auf der Bettkante.

Nicole!“, rief ich.

Ja? Was hast du?“

Komm doch mal eben!“

Sie kam mit einem Handtuch ins Schlafzimmer. Wickelte es um den nassen Kopf. Die Vertreter der drei Weltmächte fassten sich über Kreuz an den Händen. Sie standen auf einem Podium. Umringt von Journalisten.

Die haben überall Frieden gemacht“, sagte ich. „Die Kriege sind vorbei!“

Nicole setzte sich an meine Seite. Ich küsste sie auf den Nacken. Vergrub mich in ihren Duft. Dann betrachteten wir beide das Geschehen. Im Hintergrund wehten die drei Fahnen vor dem blauen Himmel.

Du, die brauchen jetzt eine ganz neue Flagge“, sagte ich.

Du meinst, wenn sie sich vereinigen?“

Ja. Dafür brauchen die eine ganz neue Flagge.“

Da stand meine Freundin auf und ging zum Fenster.

Überleg mal, Olaf“, sagte sie, „so Flaggen braucht man doch nur, wenn man Krieg gegeneinander führen will!“

Die Morgensonne fiel über die gegenüberliegenden Häuser in unser Zimmer. Nicoles Blick ging hinab auf die Straße.

Lass uns mal runter zu den anderen, Olaf, okay?“

Okay.“

Dein Bademantel liegt da über dem Sessel!“

Als wir ins Treppenhaus traten, trafen wir auf die Nachbarn von oben. Sie trugen ebenfalls Bademäntel und diskutierten bereits. Auf den Schirmen in ihren Händen fuhr die Kamera an einem Drohnenfriedhof vorbei. Rauchschwaden stiegen auf.

Wir sollten aber nicht nur diskutieren“, sagte der ältere Mann aus dem Dachgeschoss. „Warum will denn ständig jeder recht haben?“

Sie sagen es“, bestätigte die Frau aus dem Vierten.

Durch den geöffneten Hauseingang sahen wir die Straße: Hunderte Farben im Sonnenlicht – der Zug der Bademäntel hatte die Straße erfüllt. Ich ergriff Nicoles Hand. Wir gingen hinaus.

Wer kein Handtuch um den Kopf hatte, dem trocknete die Sonne das nasse Haar. Gleichmäßig bewegte sich der Zug voran. Füllte sich von beiden Seiten mit neuen Gesichtern. Die Gespräche flossen um uns her.

Ein Mann im Seidenpyjama kreuzte durch die Menge.

Ihr fragt euch wohl, wohin es geht! Ihr fragt euch, was wir machen!“

Wir blickten in sein feierliches Gesicht.

Aber haben wir sie denn nicht vergessen?“, sagte er. „Die ohne Geld? Die ohne Dach über dem Kopf?“

Wissen die denn schon Bescheid, dass wir jetzt kommen?“, fragte ihn ein Mann mit Brille.

Unser Zug ging voran. Der Mann im Seidenpyjama war zwischen den Bademänteln verschwunden. Während wir gingen, liefen die Bilder auf den Schirmen weiter. Tausende trauten ihren Augen nicht.

In die breite Fußgängerzone ergossen sich die Bademäntel. Wir sahen uns selbst in leeren Schaufenstern. Dann öffnete sich vor uns der Platz, an dem das Rathaus steht. Ein allerletzter Bombenflieger setzte in der Wüste auf. Wirbelte den Sand vom Boden.

Auf dem Platz erwarteten uns die, die keine Bademäntel hatten. Sie empfingen uns in ihren alten Sachen. So standen wir uns gegenüber: die Schmutzigen und die frisch Geduschten.

Erst als Nicole mich in den Arm kniff, geriet alles in Bewegung: Das Komitee der Schmutzigen trat auseinander und machte den Blick frei auf eine Mauer. Dort war ein Sprayer bei der Vollendung seines Bildes.

You’re dreaming“, las ich auf der Wand.

Ich wollte eben meiner Freundin sagen, dass das stimmte – da rief sie: „Olaf, träumst du gerade? Willst du nicht mal duschen?“

Sie ließ sich neben mich aufs Bett fallen. Das Handtuch rutschte ihr vom Kopf.

Da kam gerad was im Fernsehen“, sagte sie.

Was denn?“

War, glaube ich, was Wichtiges!“

Haben die vielleicht Frieden gemacht oder so?“, fragte ich.

Könnte sein“, sagte sie, „wäre ja nicht ausgeschlossen.“

Darauf hätten wir dann ja lange gewartet“, sagte ich.

Fast zu lang.“

Da küsste ich sie.

(Geschichte A DREAM von Olaf Lenz geklaut)

Impressum: Höchsten 38, 42105 Wuppertal

Fon: 0202  3099721

derzeit kein Ladenverkauf

Built with Berta.me